113. Italienischer (?) Einband, zweite (?) XIX. Jahrhunderthälfte
LUDOVICO ARIOSTO, Orlando Furioso
in Venetia: per Nicolò Zopino e Vincentio compagno, 1524.
Einbandgrössen: Mm 221 x 173 x 38
Signatur: AB.XII.22
Provenienz: Libreria Antiquaria Ulrico Hoepli, Mailand

Brauner Maroquin auf Pappdckeln, mit Blind- und Goldprägung. Drei mit stilisierten Rosetten und Laubwerk dekorierte konzentrische Rahmen. Im Feld, Arumblätter in den Ecken und Aldinenblätter in Form von einem Kranz der eine verlängerte Mandel umschliesst: diese Letzte ist in der Mitte von den Beschfritungen ORLA/FVRI auf dem Vorderdeckel und DO/SO auf dem Hinteren gekennzeichnet. Am Fuss des vorderen Vorderdeckels, die Inhaberinschrift THO. MAIOLI ET AMICORUM. Spuren von vier Schliessen. Neuer Rücken auf drei erhobenen Bünden mit orientalischen Motiven in den Feldern. Weisse Kapitale. Blauer, gepunzter Schnitt. Ein neuer Vorsatz für jeden Deckel.
Dieser Einband ist von einem für die Hälfte des XVI. Jahrhunsderts typischen römischen1 Geschmack und von der Inhaberbeschriftung des bekannten französischen Bibliophilen Thomas Mahieu gekennzeichnet: vielleicht Geheimschreiber der Caterina de Medici von 1549 bis 1560, am pariser Hof bekannt, zwischen 1572 und 1575, ist er französischer Erschatzmeister und 1584 noch lebendig. Es handelt sich jedoch von einem modernen Erzeugnis historisierender Art, wahrscheinlich in Italien in der zweiten XIX. Jahrhunderthälfte erzeugt: auf einem einzigen Einband treten nämlich zugleich die von den vatikanischen Meistern Luigi de Grada2, Niccolò Franzese3 und Marcantonio Guillery4 abgeleiteten Motive auf. Der verlängerte Mandeltypus in der Deckelmitte wurde fast ausschliesslich von bolognesischen Bindern verwendet5. Im Mittelrahmen, treten auch vier Rosetten wie diejenigen die in den für Jean Grolier parisern erzeugten Einbänden6auf. Für die Herstellung dieser Koperte, ist wahrscheinlich ein alter Einband verwendet worden. Wenn dieser Band echt und nicht eine dem Thomas Mahieu unanpassende zugeteilte Verfälschung gewesen wäre, gross wäre seine Bedetutung für die Einbandgeschichte gewesen: es hätte sich von einem der für den französichen Bibliophilen etwa geschaffenen 110 Einbände, unter denen eine einzige italienischer Herkunft, Werk des unbekannten zwischen 1530 und 1555 ca. tätigen venezianischen Binder Apple binder gehandelt.

1 A.R.A HOBSON, Apollo..., zit., plate VI (b).
2 IDEM, Apollo..., zit., plate II (a).
3 IDEM, Apollo..., zit., plate V.
4 IDEM, Apollo..., zit., plate IV (b).
5 T DE MARINIS, La legatura artistica, zit., II, Tafel CCXXI. Diese Bibliothek bewahrt vier bolognesische Einbände: zwei des XVI. Jahrhunderts (Missae episcopales, Venetiis, apud Iunctas, MDLXIII, Signatur Gerli 253; De Roma prisca et nova vari auctores, aedibus Johannis Mazochii, Romae, 1523, Signatur LP 66), zwei des folgenden Jahrhunderts (Missae propriae festorum; Missale Romanum (Miszellan), Venetiis, apud Iuntas, 1595/1600, Signatur H.X.18; Il trafficante celeste cittadino cremonese, Cremona, Paolo Puerone, 1674, Signatur Stampe popolari L5).
6 G. BOLOGNA, Il libro..., zit., S. 136.